Aufwandsschätzung: Umfassender Leitfaden für erfolgreiche Projektplaner

von Christoph Friedrich

Aufwandsschätzung
Kurz und bündig

Aufwandsschätzung bezeichnet die systematische Analyse und Prognose des erforderlichen Aufwands, um Projekte erfolgreich zu planen. Sie umfasst Zeit-, Kosten- und Ressourcenkalkulationen und ist ein entscheidender Parameter bei der Wirtschaftlichkeitsbetrachtung eines Projekts.

Ich kannte den Gesichtsausdruck meines Chefs, wenn er mit einer neuen Projektidee zu mir kam. Mir war dann klar: Er wusste nicht so genau, was er wollte. Aber den Aufwand dafür, den sollte ich ihm schon mal nennen.

Aufwandsschätzungen sind Vorhersagen. Die sind immer schwierig. Insbesondere dann, wie Mark Twain einmal anmerkte, wenn sie die Zukunft betreffen.

Die Liste der verunglückten Aufwandsschätzungen ist lang. Hier ein paar Beispiele aus der jüngeren Vergangenheit:

Projekt Geplante Kosten Tatsächliche Kosten Fertigstellung Kostenfaktor
BER – Flughafen Berlin Brandenburg ca. 2 Mrd. € über 7 Mrd. € 2020 3.5
Elbphilharmonie Hamburg ca. 77 Mio. € ca. 866 Mio. € 2016 11.2
Sydney Opera House ca. 7 Mio. AUD ca. 102 Mio. AUD 1973 14.6
Big Dig Tunnel Boston ca. 2,8 Mrd. USD ca. 14,6 Mrd. USD 2007 5.2
Flugzeugträger USS Gerald R. Ford ca. 10,5 Mrd. USD über 13 Mrd. USD 2017 1.24
Passagierschiff Queen Elizabeth ca. 3,9 Mrd. £ ca. 6,2 Mrd. £ 2020 1.59
FBI Virtual Case File ca. 170 Mio. USD über 600 Mio. USD Abgebrochen (2005) 3.5
Boeing 787 Dreamliner ca. 6 Mrd. USD ca. 32 Mrd. USD 2011 5.3
Airbus A400M ca. 20 Mrd. € über 30 Mrd. € 2013 1.5

Das Risiko einer fehlerhaften Aufwandsschätzung steigt mit dem Umfang an Innovationen in einem Projekt. Und je ungenauer geplant wird, desto häufiger hat man mit Abweichungen der tatsächlichen Kosten von den geplanten zu rechnen.

1. Was ist Aufwandsschätzung und was sind Aufwände?

Der Morgen beginnt mit einer einfachen Frage vom Projektleiter: "Wie lange brauchen wir dafür?" Hinter dieser Frage verbirgt sich die Aufwandsschätzung – ein zentrales Element jeder Projektplanung.

Aufwandsschätzung ist die Vorhersage der benötigten Ressourcen zur Erfüllung einer definierten Projektaufgabe. Sie umfasst vor allem

  • Arbeitszeit von Menschen
  • Material
  • Infrastruktur
  • Reisekosten
  • Dienstleistungen

Manche Systeme unterscheiden nur zwischen zwei Klassen: Time und Material. Dabei gilt:

  • Time ist die geleistete Arbeitszeit in Stunden oder Arbeitstagen
  • Material ist alles andere

Die Unterscheidung zu verwandten Begriffen ist wichtig. Die Zeitschätzung bezieht sich auf die Dauer bis zur Fertigstellung und umfasst auch nicht-produktive Zeiträume. Die Kostenschätzung wandelt den Aufwand in finanzielle Größen um. Die Aufwandsschätzung bildet die Grundlage für beides.

Die Aufwandsschätzung spielt eine kritische Rolle im Projektmanagement-Zyklus. Sie beeinflusst:

  1. Die initiale Projektgenehmigung
  2. Die Ressourcenallokation
  3. Die Terminplanung und Meilensteine
  4. Das Risikomanagement
  5. Die kontinuierliche Projektsteuerung

In der Praxis ist sie ein wesentlicher Bestandteil der Projektplanung und Projektsteuerung.

2. Welche Arten von Aufwandsschätzungsmethoden gibt es?

Zu den wichtigsten Methoden zur Aufwandsschätzung zählen Top-Down und Bottom-Up, Delphi-Methode, analogie-basierte Schätzungen, Planning-Poker, das COCOMO-Modell und Function Points. Einige davon sind schon mehr als 50 Jahre alt, andere wurden mit der agilen Vorgehensweise populär.

Top-Down vs. Bottom-Up Ansätze

Die zwei grundlegenden Richtungen sind Top-Down und Bottom-Up.

Beim Top-Down-Ansatz betrachten Sie das Gesamtprojekt und leiten davon die Aufwände für Teilbereiche ab. Diese Methode eignet sich für frühe Projektphasen, wenn Details noch unklar sind. Ein Bauunternehmen könnte etwa den Gesamtaufwand eines Wohnhauses auf Basis der Quadratmeterzahl schätzen und anschließend auf einzelne Gewerke herunterbrechen.

Der Bottom-Up-Ansatz beginnt mit einzelnen Arbeitspaketen. Sie schätzen jede Aufgabe separat und summieren diese zum Gesamtaufwand. Bei der Entwicklung einer neuen Smartphone-App würden Sie beispielsweise den Aufwand für UI-Design, Backend-Entwicklung, Testphase und weitere Module einzeln ermitteln und addieren.

Expertenschätzung: Delphi-Methode und weitere Techniken

Die Expertenschätzung nutzt das Wissen und die Erfahrung von Fachleuten mit ähnlichen Projekten oder Projektaufgaben. Die bekannteste Variante ist die Delphi-Methode:

  1. Experten geben unabhängig voneinander anonyme Schätzungen ab
  2. Die Ergebnisse werden zusammengefasst und an die Gruppe zurückgespielt
  3. Die Experten überdenken ihre Schätzungen und geben neue ab
  4. Der Prozess wird mehrfach wiederholt, bis ein Konsens erreicht ist

Weitere Techniken der Expertenschätzung umfassen:

  • Wideband Delphi: Eine Erweiterung mit Gruppendiskussionen zwischen den Schätzungsrunden
  • Planning Poker: Eine interaktive Variante aus der agilen Softwareentwicklung
  • Three-Point-Estimation: Die Kombination von optimistischer, realistischer und pessimistischer Schätzung

Analogie-basierte Schätzungen: Vergleiche mit ähnlichen Projekten

Bei der Analogieschätzung nutzen Sie Erfahrungswerte aus ähnlichen, abgeschlossenen Projekten. Der Grundgedanke: Was in der Vergangenheit zutraf, gilt mit Anpassungen auch für aktuelle Vorhaben.

Einer meiner Kunden nutzt diese Methode für alle neuen Vorhaben. Dazu hat er mit dem Projektmanagement-Tool Allegra in den letzten Jahren eine große Datenbank von typischen Arbeitspaketen mit zugehörigen Aufwänden erstellt. Er hat die Aufgaben zusätzlich kategorisiert. Stehr nun ein neues Projekt an, wird für jedes Arbeitspaket die zugehörige Kategorie bestimmt und dann automatisch der Aufwand für diese Kategorie als Schätzung übernommen. Der tatsächlich erforderliche Aufwand wird am Ende des Projekt wieder in die Datenbank zurückgespielt. Mit dieser Vorgehensweise hat der Kunde seine Schätzgenauigkeit drastisch verbessert.

Für effektive Analogieschätzungen benötigen Sie:

  • Eine solide Dokumentation vergangener Projekte
  • Klare Ähnlichkeitskriterien
  • Anpassungsfaktoren für Unterschiede
  • Eine kritische Betrachtung der Vergleichbarkeit

Parametrische Modelle: COCOMO, Function Point Analyse

Parametrische Modelle nutzen mathematische Formeln, um den Aufwand zu berechnen. Sie basieren auf empirischen Daten und statistischen Zusammenhängen. Ich sage es gleich: Ich bin kein Freund dieser Methoden. Die Formeln suggerieren eine Scheingenauigkeit. Die Ergebnisse sind mithilfe empirisch zu erhebender Parameter in weiten Grenzen einstellbar.

Ich hatte einen Kollegen namens Piechatzek, der bei uns für die Projektkalkulation zuständig war. Zwei Redewendungen von ihm sind bei mir hängen geblieben. Die erste stand im Zusammenhang mit seinem Zigarettenkonsum. Dafür benötigte er hin und wieder Kleingeld, das er von der Abteilungssekretärin mit dem Spruch "Können Sie mir fünf Mark wechseln, ohne mich zu beleidigen?" zu erhalten versuchte. Der zweite Spruch war: "Sag mir, was die elektronische Baugruppe wiegt und ich sage dir, was ihre Entwicklung kostet".

Das vorweg möchte ich trotzdem die wichtigsten parametrischen Verfahren kurz vorstellen.

Das COCOMO-Modell (Constructive Cost Model) ist ein Klassiker in der Softwareentwicklung. Es berechnet den Aufwand basierend auf der geschätzten Code-Menge und weiteren Einflussfaktoren. Die Grundformel lautet:

Aufwand = a × (Größe)^b × EAF

Wobei EAF (Effort Adjustment Factor) als magische Zahl verschiedene Projekteigenschaften berücksichtigt.

Die Function Point Analyse geht einen anderen Weg. Sie bemisst den Funktionsumfang aus Anwendersicht statt technischer Perspektive. Die Methode erfasst:

  • Eingaben
  • Ausgaben
  • Abfragen
  • Datenbestände
  • Schnittstellen

Diese werden gewichtet und zu Function Points zusammengefasst. Über Erfahrungswerte lässt sich der Aufwand ableiten.

Agile Schätzungstechniken: Planning Poker, T-Shirt-Größen, Story Points

Mit der Verbreitung agiler Methoden haben sich spezifische Schätzungstechniken etabliert, die Schnelligkeit, Teamkonsens und relative Größenordnungen betonen.

Planning Poker vereint Expertenmeinung und Gruppendynamik. Das Team schätzt Anforderungen (User Stories), indem jedes Mitglied gleichzeitig eine Karte mit einem Schätzwert zeigt. Bei unterschiedlichen Werten diskutieren die Teammitglieder ihre Überlegungen und schätzen erneut. Der Prozess fördert den Austausch und führt zu realistischeren Ergebnissen.

Die T-Shirt-Größen-Methode verzichtet auf präzise Zahlen und nutzt stattdessen Größenordnungen wie XS, S, M, L und XL. Diese Vereinfachung funktioniert erstaunlich gut für grobe Einschätzungen und verhindert Scheingenauigkeit.

Story Points sind eine relative Maßeinheit für den Aufwand. Das Team wählt eine Referenzaufgabe und bewertet alle anderen im Verhältnis dazu.

3. Was sind die Voraussetzungen für eine zuverlässige Aufwandsschätzung?

Die Qualität einer Aufwandsschätzung hängt stark von einigen Voraussetzungen ab, die wir im Folgenden benennen.

1. Voraussetzung: Lösungskonzept kennen

Ungenaue Anforderungen und wage Lösungsvorstellungen führen zu ungenauen Schätzungen. Die wichtigste Voraussetzung für eine zuverlässige Aufwandsschätzung ist deshalb alternativ ein möglichst detailliertes Lösungskonzept (Pflichtenheft), ein Produktstrukturplan, ein Prototyp oder eine Liste mit Stories.

2. Voraussetzung: Ressourcen und Abhängigkeiten kennen

Die verfügbaren Ressourcen beeinflussen den Aufwand erheblich. Bewerten Sie:

  • Qualifikation und Erfahrung des Teams
  • Verfügbarkeit (Teilzeit, andere Projekte)
  • Lernkurven bei neuen Technologien
  • Externe Abhängigkeiten zu anderen Teams oder Lieferanten

3. Voraussetzung: Risikofaktoren kennen

Jedes Projekt birgt Unsicherheiten. Identifizieren Sie diese und bewerten Sie ihre Auswirkungen auf den Aufwand. Typische Risikofaktoren sind:

  • Technologische Unsicherheiten
  • Änderungen der Anforderungen
  • Abhängigkeiten von Dritten
  • Ressourcenengpässe

Statt eines einzelnen Wertes erstellen Sie drei Schätzungen:

  • Optimistisch (Best Case)
  • Realistisch (Most Likely)
  • Pessimistisch (Worst Case)

Daraus lässt sich nach der PERT-Formel ein gewichteter Durchschnitt berechnen: (Optimistisch + 4×Realistisch + Pessimistisch) ÷ 6

4. Warum scheitern Aufwandsschätzungen und wie vermeidet man typische Fallstricke?

Aufwandsschätzungen scheitern mit bemerkenswerter Regelmäßigkeit. Ein Blick hinter die Kulissen offenbart die Gründe und zeigt Wege zur Verbesserung. Die häufigsten Ursachen für die Fehlschätzungen der oben aufgeführten Projekte waren:

Kategorie Beschreibung Auftreten
Technologische Neuentwicklungen Einsatz neuer oder unerprobter Technologien, z. B. Triebwerke, IT-Systeme
Planungsfehler Falsche oder unvollständige Planung, unrealistische Zeit- oder Kostenziele
Managementversagen Schlechte Projektleitung, Misskommunikation, fehlendes Controlling
Politische Einflussnahme Politische Interessen, Prestigeprojekte, kurzfristige Entscheidungen
Designänderungen Änderungen während der Bau- oder Entwicklungsphase
Lieferkettenprobleme Probleme mit Zulieferern, Koordination globaler Produktion
Fehlende Tests / Qualitätsmängel Unzureichende Testphasen, Fehler bei Inbetriebnahme
Korruption / Ineffizienz Undurchsichtige Verträge, überhöhte Preise, Günstlingswirtschaft
Zulassungsverzögerungen Probleme mit regulatorischer Freigabe oder Zertifizierung
Technisches Scheitern / Abbruch Projekt musste eingestellt oder komplett überarbeitet werden

Das Phänomen der systematischen Unterschätzung (Hofstadter's Law)

"Es dauert immer länger als man denkt, selbst wenn man das Hofstadter'sche Gesetz berücksichtigt." Diese selbstbezügliche Aussage des Kognitionswissenschaftlers Douglas Hofstadter beschreibt ein universelles Phänomen: Menschen unterschätzen systematisch die Zeit für komplexe Aufgaben.

Hofstadter's Gesetz

Eine Studie der Standish Group zeigte, dass 64% aller IT-Projekte die geschätzten Aufwände überschreiten. Die durchschnittliche Überschreitung liegt bei 68%. Diese Zahlen haben sich die letzten 30 Jahre kaum verbessert.

Ein internationaler Flughafenbetreiber analysierte 35 abgeschlossene Infrastrukturprojekte. Das Ergebnis: Nur zwei Projekte blieben unter den geschätzten Aufwänden, 28 überschritten sie um mehr als 25%.

Um diesem Phänomen entgegenzuwirken:

  • Addieren Sie einen empirisch ermittelten Korrekturfaktor zu Ihren Schätzungen
  • Nutzen Sie historische Daten zum Vergleich
  • Setzen Sie auf Bottom-Up-Schätzungen für detailliertere Ergebnisse

Psychologische Faktoren: Optimism Bias und Planning Fallacy

Menschen neigen zu Überoptimismus bei der eigenen Leistungsfähigkeit. Der Psychologe Daniel Kahneman prägte den Begriff "Planning Fallacy" – die systematische Tendenz, den eigenen Aufwand zu unterschätzen.

Selbst erfahrene Experten fallen diesem Bias zum Opfer. In einem Experiment wurden Software-Entwickler gebeten, den Zeitaufwand für ein klar definiertes Programmiermodul zu schätzen. Die durchschnittliche Schätzung lag bei 14,4 Tagen. Der tatsächliche Durchschnitt betrug 26,7 Tage.

Diese psychologischen Verzerrungen treten auf, weil wir:

  • Erfolgsszenarien stärker gewichten als mögliche Probleme
  • Unsere Fähigkeiten überschätzen
  • Bei kleinen Einheiten unbewusst "Nettowerte" ohne Unterbrechungen und Nebenaufgaben ansetzen
  • Vergangene Erfahrungen selektiv wahrnehmen

Ein Pharmaunternehmen begegnet diesem Problem mit dem "Pre-Mortem"-Ansatz: Vor der finalen Schätzung stellt das Team sich vor, das Projekt sei gescheitert, und sammelt mögliche Gründe. Diese Gedankenübung hilft, blinde Flecken zu identifizieren und realistischere Schätzungen zu erstellen.

Politische und organisatorische Einflüsse

Schätzungen entstehen nicht im luftleeren Raum. Oft verzerren organisatorische Zwänge und politische Faktoren die Ergebnisse erheblich. Aufwandsschätzungen sind oft die Basis für Angebote, die mit Angeboten anderer Anbieter konkurrieren. Dadurch entsteht ein Konflikt, der Druck auf die Abschätzung ausüben kann.

Weitere typische Szenarien:

  • Management gibt Wunschtermine vor ("Diese Funktion brauchen wir bis zur Messe im Juni")
  • Schätzungen werden als Verhandlungsmasse betrachtet und bewusst niedrig angesetzt
  • Konkurrenzdruck führt zu unrealistischen Versprechen
  • Interne Budgetprozesse verzerren Schätzungen ("Was wir jetzt nicht beantragen, bekommen wir nächstes Jahr nicht")
  • Projektteams fürchten negative Reaktionen bei "zu hohen" Schätzungen
  • Politische oder gesetzliche Vorgaben zwingen Anbieter zu unrealistischen Angeboten

Ich kenne ein Bauunternehmen, das einen zweistufigen Schätzprozess einführte: Zunächst eine rein technisch-fachliche Schätzung ohne Kenntnis externer Termine oder Budgetvorgaben. Erst in einem zweiten Schritt werden diese Faktoren berücksichtigt – mit transparenter Dokumentation der Anpassungen.

Fehlende historische Daten und Erfahrungswerte

Präzise Schätzungen erfordern eine solide Datenbasis. Ohne verlässliche Referenzwerte fehlt der Anker für realistische Prognosen.

Viele Organisationen leiden unter:

  • Mangelnder Dokumentation abgeschlossener Projekte
  • Fehlender Nachkalkulation ("Post-Mortem")
  • Unzureichenden Metriken und Kennzahlen
  • Hoher Fluktuation und Wissensverlust

Ich empfehle eine einfache Maßnahme mit großer Wirkung: Nach jedem Projekt werden die ursprünglichen Schätzungen mit den tatsächlichen Aufwänden verglichen und die Abweichungen systematisch analysiert. Die Erkenntnisse fließen in eine zentrale Datenbank ein. Die Verbesserung der Schätzgenauigkeit ist schon nach wenigen Projekten beeindruckend.

Strategien zur Vermeidung von Schätzfehlern

Mit diesen Strategien reduzieren Sie systematische Schätzfehler:

  1. Bewusste Überkompensation: Erhöhen Sie Ihre Schätzungen um einen empirisch ermittelten Faktor. Für neue Technologien kann dieser bei 50-100% liegen.

  2. Unabhängige Schätzungen: Lassen Sie mehrere Experten unabhängig voneinander schätzen, bevor Sie die Ergebnisse vergleichen.

  3. Reference Class Forecasting: Stützen Sie Ihre Schätzungen auf statistische Daten ähnlicher, abgeschlossener Projekte statt auf projektspezifische Details.

  4. Transparente Risikozuschläge: Trennen Sie die Basisschätzung von expliziten Puffern für identifizierte Risiken.

  5. Iteratives Verfeinern: Beginnen Sie mit groben Schätzungen und verfeinern Sie diese mit zunehmendem Wissen.

Nutzen Sie wenn möglich den "Outside View": Für jedes neue Projekt werden mindestens fünf vergleichbare, abgeschlossene Projekte identifiziert. Die durchschnittliche Abweichung zwischen Schätzung und Realität dieser Referenzklasse bildet die Basis für einen projektspezifischen Korrekturfaktor.

5. Wie unterscheidet sich die Aufwandsschätzung in agilen und klassischen Projekten?

Die Herangehensweise an Aufwandsschätzungen variiert fundamental zwischen klassischen und agilen Projekten. Diese Unterschiede zu verstehen hilft, die passende Methodik für Ihren Kontext zu wählen.

Grundlegende Unterschiede im Ansatz

Klassische Projekte folgen einem plangetriebenen Ansatz. Die Aufwandsschätzung erfolgt zu Beginn für den gesamten Projektumfang. Sie bildet die Basis für Budget, Ressourcenplanung und Terminierung. Der Plan steht im Zentrum.

Agile Projekte hingegen umarmen die Veränderung. Die Aufwandsschätzung konzentriert sich primär auf den unmittelbar bevorstehenden Arbeitsabschnitt (Sprint). Der Wert steht im Zentrum, nicht der Plan.

Ein Automobilzulieferer erlebte diesen Unterschied bei zwei parallelen Entwicklungsprojekten. Das klassisch geführte Team erstellte eine detaillierte Aufwandsschätzung für das Gesamtprojekt mit über 2.000 Arbeitspaketen. Das agile Team schätzte lediglich die wichtigsten Epics grob und fokussierte sich auf präzise Schätzungen für den jeweils nächsten Sprint. Bei einer nachträglichen Analyse zeigte sich: Die Gesamtabweichung war bei beiden Ansätzen ähnlich (ca. 25%), aber das agile Team lieferte früher wertvolle Ergebnisse und konnte Kundenfeedback besser integrieren.

Kontinuierliche vs. einmalige Schätzung

In klassischen Projekten dominiert die einmalige, umfassende Schätzung. Sie wird zu Projektbeginn durchgeführt und bleibt oft der Referenzpunkt – selbst wenn sich Bedingungen ändern. Aktualisierungen erfolgen meist nur bei formalen Change Requests.

Agile Projekte setzen auf kontinuierliche Schätzung. Vor jedem Sprint wird neu geschätzt. Das Team lernt aus vergangenen Sprints und verbessert stetig seine Schätzfähigkeit. Die Planungssicherheit wächst mit fortschreitendem Projektverlauf.

Velocity-Tracking und Burn-Down-Charts

Agile Teams nutzen empirische Daten zur Schätzung. Die Velocity – die Menge an Story Points, die ein Team pro Sprint abarbeiten kann – ist der wichtigste Referenzwert. Sie wird kontinuierlich gemessen und zur Vorhersage zukünftiger Leistung genutzt.

Der Prozess:

  1. Schätzen aller Backlog-Items in Story Points
  2. Messen der tatsächlichen Velocity über mehrere Sprints
  3. Berechnen des Durchschnitts als Basis für zukünftige Vorhersagen
  4. Aktualisieren der Prognose nach jedem Sprint

Burn-Down-Charts visualisieren den Fortschritt und ermöglichen frühe Kurskorrektur. Die verbleibende Arbeit wird gegen die Zeit aufgetragen. Abweichungen von der idealen Linie signalisieren Probleme.

Hybrid-Ansätze für verschiedene Projektumgebungen

Die Wahl zwischen agilem und klassischem Vorgehen ist keine Entweder-Oder-Entscheidung. Viele Organisationen entwickeln hybride Ansätze, die das Beste aus beiden Welten vereinen.

Ein globales Telekommunikationsunternehmen nutzt ein dreistufiges Modell:

  1. Grobe Aufwandsschätzung für das Gesamtprojekt mittels Feature Points (ähnlich zu Function Points, aber gröber)
  2. Detailliertere Schätzung für die nächste Release (3 Monate) durch Experten
  3. Präzise Story-Point-Schätzung für den aktuellen Sprint durch das Team

Dieser Ansatz liefert langfristige Planungssicherheit für die Unternehmensführung und bewahrt gleichzeitig die Flexibilität im täglichen Entwicklungsprozess.

Andere hybride Modelle umfassen:

  • Agile Umsetzung innerhalb eines klassischen Projektrahmenwerks
  • Klassische Schätzung für Hardware-/Infrastruktur-Komponenten, agile Schätzung für Software
  • Relative Schätzung (Story Points) kombiniert mit absoluter Schätzung (Personentage)

Vor- und Nachteile beider Welten im Praxisvergleich

Die Stärken und Schwächen der verschiedenen Ansätze zeigen sich in der praktischen Anwendung.

Vorteile klassischer Aufwandsschätzung:

  • Liefert früh eine Gesamtprognose für Budget und Zeitplanung
  • Bietet detaillierte Dokumentation für Vertragsverhandlungen
  • Ermöglicht präzise Ressourcenplanung
  • Passt zu regulatorischen Anforderungen vieler Branchen

Nachteile klassischer Aufwandsschätzung:

  • Hoher initialer Aufwand für detaillierte Schätzungen
  • Erweckt oft falsche Sicherheit durch Scheingenauigkeit
  • Verleitet zu starrem Festhalten am Plan trotz veränderter Umstände
  • Verzögert die Erkennung von Fehleinschätzungen

Vorteile agiler Aufwandsschätzung:

  • Schnellere Erstellung mit geringerem Initialaufwand
  • Kontinuierliche Verbesserung durch regelmäßiges Feedback
  • Bessere Anpassungsfähigkeit bei veränderten Anforderungen
  • Frühe Erkennung von Abweichungen durch empirische Messung

Nachteile agiler Aufwandsschätzung:

  • Begrenzte langfristige Planungssicherheit
  • Schwieriger für Festpreis-Verträge und traditionelle Beschaffungsprozesse
  • Benötigt disziplinierte Teams mit Schätzerfahrung
  • Kann bei unerfahrenen Teams zu "Commitments" statt Schätzungen führen

6. Welche Tools und Software können die Aufwandsschätzung unterstützen?

Die richtige Software kann den Prozess der Aufwandsschätzung erheblich vereinfachen und die Qualität der Ergebnisse verbessern. Vom einfachen Tabellenkalkulationsprogramm bis zur spezialisierten KI-gestützten Lösung – die Auswahl ist groß.

Übersicht relevanter Projektmanagement-Software

Viele gängige Projektmanagement-Tools bieten integrierte Funktionen zur Aufwandsschätzung:

Microsoft Project bleibt ein Standard im klassischen Projektmanagement. Die Software ermöglicht detaillierte Aufwandsschätzungen auf Arbeitspaketebene, unterstützt verschiedene Ressourcentypen und bietet umfangreiche Analysefunktionen. Die Integration mit anderen Microsoft-Produkten erleichtert den Datenaustausch.

Jira dominiert im agilen Umfeld. Die Plattform unterstützt Story-Point-Schätzungen, Velocity-Tracking und automatisierte Burn-Down-Charts. Zahlreiche Erweiterungen bieten spezialisierte Funktionen, etwa für Planning Poker oder Release-Prognosen.

Smartsheet kombiniert die Vertrautheit einer Tabellenkalkulation mit leistungsfähigen Projektmanagement-Funktionen. Die intuitive Oberfläche senkt die Einstiegshürde. Mehrere Versicherungsunternehmen nutzen Smartsheet erfolgreich für hybride Projekte.

Weitere relevante Tools umfassen:

  • Allegra: Stark in agilem, klassischem und hybriden Projektmanagement, Top-down und Bottom-Up
  • Asana: Benutzerfreundlich mit einfachen Schätzfunktionen
  • Monday.com: Flexibel konfigurierbar mit visuell ansprechenden Dashboards
  • Wrike: Stark in der Integration verschiedener Arbeitsmodelle

Spezialisierte Schätzungstools und ihre Anwendungsbereiche

Neben allgemeinen Projektmanagement-Lösungen existieren Tools, die speziell für Aufwandsschätzungen konzipiert wurden:

SLIM-Estimate basiert auf dem Putnam-Modell und eignet sich besonders für Software-Entwicklungsprojekte. Es nutzt umfangreiche historische Daten zur Kalibrierung der Schätzungen und berücksichtigt Faktoren wie Teamgröße, Erfahrungsniveau und Komplexität.

CostXpert zielt auf präzise Budget- und Aufwandsschätzungen für IT-Infrastrukturprojekte. Das Tool umfasst Datenbanken mit Benchmarks für verschiedene Hardwarekomponenten, Softwarelizenzen und Personalkosten.

QSM SLIM-Collaborate unterstützt kollaborative Schätzprozesse. Das Tool ermöglicht es, verschiedene Expertenmeinungen einzuholen, zu aggregieren und statistische Analysen durchzuführen. Ein großer Telekommunikationsanbieter nutzt es für internationale Projekte mit verteilten Teams.

Für agile Teams bieten sich speziell ausgerichtete Tools an:

  • Planning Poker Online: Vereinfacht die Durchführung virtueller Planning-Poker-Sessions
  • ScrumDo: Fokussiert auf Story-Point-Schätzungen und Velocity-Analyse
  • Estimator: Unterstützt Team-Consensus-Schätzungen mit Echtzeit-Feedback

Vorteile und Grenzen automatisierter Schätzungen

Die Automatisierung von Schätzungen durch KI und Machine Learning gewinnt an Bedeutung. Diese Technologien versprechen objektivere und konsistentere Ergebnisse.

Vorteile automatisierter Schätzungen:

  • Vermeidung menschlicher Voreingenommenheit
  • Höhere Konsistenz über verschiedene Projekte hinweg
  • Schnellere Erstellung und einfachere Anpassung
  • Fähigkeit, große Mengen historischer Daten zu verarbeiten

Grenzen und Herausforderungen:

  • Abhängigkeit von der Qualität historischer Daten
  • Schwierigkeit, einzigartige Projektmerkmale zu berücksichtigen
  • Mangelnde Transparenz bei komplexen Algorithmen
  • Widerstand von Fachexperten gegen "Black-Box"-Schätzungen

7. Wie verbessert man Aufwandsschätzungen durch Lernen aus vergangenen Projekten?

Die kontinuierliche Verbesserung von Aufwandsschätzungen ist kein Luxus, sondern Notwendigkeit. Organisationen, die systematisch aus Erfahrungen lernen, erreichen eine immer höhere Präzision.

Aufbau einer Projektdatenbank und Metriken

Die Grundlage bildet eine strukturierte Sammlung historischer Projektdaten. Eine effektive Projektdatenbank enthält:

  • Ursprüngliche Schätzungen und tatsächliche Aufwände
  • Projektmerkmale und Klassifikationen
  • Eingesetzte Technologien und Methoden
  • Teamgröße und -zusammensetzung
  • Externe Faktoren und Rahmenbedingungen

Entscheidend sind konsistente Metriken. Definieren Sie klare Kennzahlen wie:

  • Absolute Abweichung in Personentagen
  • Relative Abweichung in Prozent
  • Estimation Error Factor (tatsächlicher Aufwand / geschätzter Aufwand)
  • Velocity-Stabilität bei agilen Teams

Ein Ingenieursdienstleister führte eine zentrale Projektdatenbank ein, die inzwischen über 200 abgeschlossene Projekte umfasst. Jedes neue Projekt wird anhand von 15 Kriterien klassifiziert. Bei Aufwandsschätzungen identifiziert ein Algorithmus ähnliche Referenzprojekte und liefert statistische Vergleichswerte. Die Genauigkeit der Schätzungen verbesserte sich innerhalb von zwei Jahren um 40%.

Post-Mortem-Analysen und Retrospektiven

Nach Projektabschluss liegt ein Schatz an Erkenntnissen bereit. Nutzen Sie diesen durch systematische Nachbetrachtungen.

Effektive Post-Mortem-Analysen für Aufwandsschätzungen umfassen:

  1. Vergleich geplanter und tatsächlicher Aufwände auf detaillierter Ebene
  2. Identifikation der größten Abweichungen
  3. Analyse der Ursachen ohne Schuldzuweisungen
  4. Ableitung konkreter Verbesserungsmaßnahmen

Agile Teams nutzen regelmäßige Sprint-Retrospektiven, um ihre Schätzfähigkeit kontinuierlich zu verbessern. Die Frage "Warum haben wir mehr oder weniger geschafft als geschätzt?" wird fest etabliert.

Ein Softwarehaus in Skandinavien führt vierteljährlich "Estimation Clinics" durch. Teams präsentieren ihre präzisesten und ungenauesten Schätzungen und diskutieren die Unterschiede. Erkenntnisse werden in einem Wiki dokumentiert und bei künftigen Schätzungen aktiv konsultiert. Die durchschnittliche Schätzgenauigkeit stieg binnen eines Jahres von 67% auf 84%.

Schätzungsgenauigkeit messen und verbessern

Die Messung der Schätzungsgenauigkeit bildet die Basis für gezielte Verbesserungen. Statt pauschaler Aussagen wie "Wir liegen meist daneben" schaffen objektive Messgrößen Klarheit.

Bewährte Ansätze:

  • Tracking von Schätzabweichungen nach Team, Projekttyp und Technologie
  • Analyse typischer Über- und Unterschätzungsmuster
  • Identifikation besonders schwer zu schätzender Aufgabentypen
  • Auswertung der Genauigkeit verschiedener Schätzmethoden

Ein globales Beratungsunternehmen führt einen internen Schätzungs-Wettbewerb. Teams mit der höchsten Genauigkeit erhalten Anerkennung und teilen ihre Methoden. Dieser spielerische Ansatz führte zu einem gesunden Wettbewerb und verbesserte die Schätzqualität erheblich.

Eine spezialisierte Software-Agentur für Banken identifizierte durch systematische Analyse, dass Integrationsaufgaben mit Legacy-Systemen besonders häufig unterschätzt wurden. Als Konsequenz führten sie für diese Aufgabenklasse einen pauschalen Korrekturfaktor von 1,7 ein. Die Schätzgenauigkeit für Integrationsprojekte stieg innerhalb eines Quartals von 55% auf 82%.

Kontinuierlicher Verbesserungsprozess

Vereinzelte Maßnahmen zeigen selten nachhaltige Wirkung. Erfolgreich sind Organisationen mit einem kontinuierlichen Verbesserungsprozess für Aufwandsschätzungen.

Elemente eines solchen Prozesses:

  1. Regelmäßige Überprüfung der Schätzgenauigkeit
  2. Systematische Sammlung und Analyse von Abweichungen
  3. Aktive Einbindung der Teams in die Verbesserung
  4. Anpassung der Methoden basierend auf Erkenntnissen
  5. Schulung und Coaching zur Stärkung der Schätzkompetenz

Ein mittelständischer IT-Dienstleister integrierte die Schätzverbesserung in seinen ISO-9001-zertifizierten Qualitätsmanagementprozess. Quartalsweise Auswertungen und jährliche Ziele für die Schätzgenauigkeit wurden etabliert. Nach drei Jahren sank die durchschnittliche Abweichung von 42% auf 16%.

Organisationales Lernen und Wissenstransfer

Individuelle Erfahrungen müssen in organisationales Wissen überführt werden. Nur so profitiert das gesamte Unternehmen nachhaltig.

Erfolgreiche Ansätze für effektiven Wissenstransfer:

  • Schätzungs-Workshops mit gemischten Teams aus erfahrenen und neuen Mitarbeitern
  • Dokumentation von Schätzungsfehlern und Lessons Learned in zugänglichen Wissensdatenbanken
  • Erstellung von Schätz-Checklisten basierend auf vergangenen Erfahrungen
  • Mentoring-Programme für unerfahrene Schätzer

Ein führender Automobilzulieferer nutzt ein "Estimation Knowledge Board" – eine visualisierte Sammlung der wichtigsten Erkenntnisse zur Aufwandsschätzung. Jedes abgeschlossene Projekt trägt mindestens eine neue Erkenntnis bei. Das Board ist zentral platziert und wird bei Schätzmeetings aktiv konsultiert.

Christoph Friedrich

CEO Alltena GmbH
Christoph Friedrich ist Informatiker und zertifizierter Project Management Professional. Er hat viel Erfahrung mit der Einführung und Integration von Projektmanagement-Werkzeugen sowie der Analyse und Definition von Prozessen im Projekt- und Service-Management.

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