Stakeholderanalyse durchführen: Anleitung mit Vorlage und Beispiel
Jörg Friedrich |

Stakeholderanalyse durchführen: Anleitung mit Vorlage und Beispiel

Zusammenfassung: Eine Stakeholderanalyse identifiziert alle Personen und Gruppen, die ein Projekt beeinflussen oder davon betroffen sind, und bewertet deren Einfluss, Interesse und Einstellung. Das zentrale Ergebnis ist die Einfluss-Interesse-Matrix, aus der sich passgenaue Kommunikationsstrategien ableiten lassen. Dieser Artikel führt Schritt für Schritt durch die Durchführung – mit Vorlage und Praxisbeispiel.

Was ist eine Stakeholderanalyse?

Eine Stakeholderanalyse ist ein systematischer Prozess, der die für ein Projekt relevanten Stakeholder ermittelt, ihre Ziele, Motive und Einstellungen untersucht und daraus Handlungsempfehlungen ableitet. Sie ist ein zentraler Baustein des Stakeholdermanagements und gliedert sich in drei Kernaufgaben:

  1. Stakeholder identifizieren – Wer ist betroffen, wer hat Einfluss?
  2. Stakeholder bewerten – Wie groß sind Einfluss und Interesse? Befürworter oder Gegner?
  3. Strategien ableiten – Wie wird mit welchem Stakeholder kommuniziert?

Die Analyse liefert damit die Grundlage für eine gezielte Projektkommunikation. Sie zeigt, wo Unterstützung mobilisiert, Widerstände abgebaut und Konflikte zwischen Interessengruppen frühzeitig entschärft werden können.

Wichtig: Stakeholderanalyse und Stakeholdermanagement sind nicht dasselbe. Das Stakeholdermanagement umfasst den gesamten fortlaufenden Prozess – von der Identifikation über die Analyse bis zur laufenden Steuerung der Beziehungen. Die Stakeholderanalyse ist ein Teilschritt darin, allerdings ein entscheidender.

Warum ist die Stakeholderanalyse wichtig?

Projekte scheitern selten allein an technischen Problemen. Häufiger sind es übersehene Interessen, unterschätzte Widerstände oder fehlende Unterstützung durch Schlüsselpersonen, die ein Vorhaben ins Stocken bringen. Eine fundierte Stakeholderanalyse wirkt dem entgegen:

  • Risiken erkennen. Stakeholder mit hohem Einfluss und negativer Einstellung sind ein Projektrisiko. Die Analyse macht sie sichtbar, bevor sie Schaden anrichten. In der Risikoanalyse fließen diese Erkenntnisse direkt ein.
  • Unterstützer aktivieren. Wer die Befürworter kennt, kann sie gezielt einbinden – als Promotoren, Multiplikatoren oder Entscheidungsträger.
  • Kommunikation steuern. Nicht jeder Stakeholder braucht dieselbe Information zur selben Zeit. Die Analyse zeigt, wer eng eingebunden werden muss und wer mit einem monatlichen Update auskommt.
  • Scope absichern. Wer die Erwartungen der Stakeholder früh kennt, kann den Projekt-Scope realistisch definieren und Scope Creep vorbeugen.

Je früher die Stakeholderanalyse stattfindet, desto größer ihr Nutzen. Idealerweise gehört sie in die Planungsphase – noch bevor der detaillierte Projektplan steht.

Stakeholderanalyse durchführen: Schritt für Schritt

1. Stakeholder identifizieren

Im ersten Schritt sammelt das Projektteam alle Personen, Gruppen und Organisationen, die das Projekt beeinflussen können oder von dessen Ergebnis betroffen sind. Brainstorming im Team ist der schnellste Einstieg. Ergänzend helfen systematische Hilfsfragen:

  • Wer finanziert das Projekt oder genehmigt das Budget?
  • Wer nutzt das Ergebnis – direkt oder indirekt?
  • Wer liefert Ressourcen, Daten oder Zuarbeit?
  • Wer kann das Projekt blockieren oder verzögern?
  • Wer wird durch das Ergebnis in seiner Arbeitsweise verändert?

Typische Stakeholder-Kategorien:

  • Intern: Geschäftsführung, Projektauftraggeber, Fachabteilungen, IT, Betriebsrat, Endanwender
  • Extern: Kunden, Lieferanten, Implementierungspartner, Behörden, Berater

Das Ergebnis ist eine vollständige Stakeholder-Liste – idealerweise mit Namen, Rolle und Kontaktdaten. Vollständigkeit ist wichtiger als Detailtiefe: Ein übersehener Stakeholder kann mehr Schaden anrichten als ein ungenau bewerteter.

2. Stakeholder analysieren und bewerten

Jeder identifizierte Stakeholder wird entlang mehrerer Kriterien bewertet. Die drei wichtigsten Dimensionen:

Einfluss (Macht): Kann der Stakeholder das Projekt wesentlich fördern oder blockieren? Einfluss muss nicht an eine formale Hierarchie gebunden sein – informelle Macht wiegt oft schwerer als ein Organigramm-Kästchen.

Interesse: Wie stark ist der Stakeholder vom Projekt betroffen? Was ändert sich für ihn an Arbeitsweise, Position oder Verantwortung?

Einstellung: Steht der Stakeholder dem Vorhaben positiv, neutral oder ablehnend gegenüber? Diese Dimension ist entscheidend für die spätere Strategie – ein einflussreicher Gegner erfordert andere Maßnahmen als ein einflussreicher Befürworter.

Ergänzend kann die Beeinflussbarkeit erfasst werden: Wie leicht lässt sich die Haltung des Stakeholders verändern? Ein mächtiger Gegner, der offen für Argumente ist, stellt eine andere Herausforderung dar als einer mit unverrückbarer Position.

Für die Informationsgewinnung eignen sich Einzelgespräche, Team-Workshops, die Analyse von Projektdokumenten und – bei größeren Stakeholder-Gruppen – strukturierte Befragungen.

Meist genügen drei Abstufungen (niedrig, mittel, hoch) pro Dimension. Feinere Skalen suggerieren eine Genauigkeit, die bei subjektiven Einschätzungen selten gegeben ist.

3. Stakeholder in die Einfluss-Interesse-Matrix eintragen

Die Einfluss-Interesse-Matrix – auch Stakeholder-Matrix oder Power-Interest-Grid – ist das zentrale Visualisierungswerkzeug der Stakeholderanalyse. Sie ordnet jeden Stakeholder anhand zweier Achsen ein:

  • Y-Achse: Einfluss (gering → hoch)
  • X-Achse: Interesse (gering → hoch)

Daraus ergeben sich vier Quadranten mit jeweils passender Handlungsstrategie:

Geringes InteresseHohes Interesse
Hoher EinflussZufriedenstellen
Regelmäßig informieren, bei Schlüsselentscheidungen einbeziehen
Eng einbinden
Key Player – aktiv in Entscheidungen einbeziehen
Geringer EinflussBeobachten
Minimaler Aufwand, bei Veränderungen neu bewerten
Informiert halten
Regelmäßige Updates, offene Kommunikationskanäle

Zeilen = Einfluss, Spalten = Interesse

Key Player (hoher Einfluss, hohes Interesse) verdienen die meiste Aufmerksamkeit. Sie können das Projekt vorantreiben oder zum Scheitern bringen. Binden Sie sie aktiv in Entscheidungen ein und pflegen Sie den persönlichen Kontakt.

Zufriedenstellen (hoher Einfluss, geringes Interesse): Diese Stakeholder können viel bewegen, interessieren sich aber nicht im Detail für das Projekt. Halten Sie sie zufrieden, ohne sie mit Informationen zu überfluten. Holen Sie sie bei kritischen Entscheidungen ab.

Informiert halten (geringer Einfluss, hohes Interesse): Diese Gruppe verfolgt das Projekt aufmerksam, kann aber wenig beeinflussen. Regelmäßige Statusberichte und ein offenes Ohr genügen meist.

Beobachten (geringer Einfluss, geringes Interesse): Minimaler Kommunikationsaufwand. Prüfen Sie regelmäßig, ob sich Einfluss oder Interesse verändert haben.

4. Kommunikationsstrategie ableiten

Aus der Position in der Matrix ergibt sich der Kommunikationsplan. Für jeden Stakeholder oder jede Stakeholder-Gruppe definiert das Team:

  • Kanal: Persönliches Gespräch, E-Mail, Projektstatusbericht, Workshop
  • Frequenz: Wöchentlich, zweiwöchentlich, monatlich, anlassbezogen
  • Inhalt: Strategische Entscheidungen, Statusupdates, technische Details
  • Verantwortlicher: Wer pflegt den Kontakt?

Key Player erhalten persönliche Gespräche und werden in Entscheidungen eingebunden. Stakeholder im Quadranten „Informiert halten” bekommen regelmäßige Updates über den Projektstatusbericht. Im Quadranten „Beobachten” genügt eine Überprüfung bei jedem Meilenstein.

Stakeholderanalyse: Vorlage

Die folgende Vorlage fasst alle relevanten Informationen in einer Tabelle zusammen. Sie lässt sich in einer Tabellenkalkulation oder einer Projektmanagement-Software pflegen.

StakeholderRolleEinflussInteresseEinstellungStrategieKanalFrequenz
Fr. Meier, GeschäftsführungAuftraggeberinHochHoch+Eng einbindenPersönliches GesprächWöchentlich
Hr. Schulz, VertriebsleitungKey-UserMittelHoch+/−Informiert haltenWorkshop, E-MailZweiwöchentlich
BetriebsratArbeitnehmervertretungHochMittel0ZufriedenstellenStatusberichtMonatlich
Ext. ImplementiererLieferantMittelMittel+Informiert haltenJour fixeWöchentlich
DatenschutzbeauftragterBeraterMittelGering0BeobachtenE-MailAnlassbezogen

Einstellung: + = Befürworter, 0 = neutral, − = Gegner, +/− = ambivalent

Praxisbeispiel: Stakeholderanalyse für eine ERP-Einführung

Ein mittelständisches Unternehmen mit 200 Mitarbeitern wechselt sein ERP-System. Die Projektleiterin führt in einem dreistündigen Workshop mit dem Kernteam eine Stakeholderanalyse durch.

Identifizierte Stakeholder

Das Team identifiziert sieben zentrale Stakeholder:

StakeholderEinflussInteresseEinstellungQuadrant
Geschäftsführer – genehmigt Budget, erwartet EffizienzgewinnHochHochBefürworterEng einbinden
IT-Leiterin – verantwortet Infrastruktur und SchnittstellenHochHochBefürworterEng einbinden
Leiterin Buchhaltung – Key-User, tägliche Arbeit betroffenMittelHochAmbivalentInformiert halten
Betriebsrat – achtet auf Arbeitnehmerrechte, DatenschutzHochMittelNeutralZufriedenstellen
Vertriebsteam (15 Personen) – nutzt ERP für AufträgeGeringHochSkeptischInformiert halten
Ext. Implementierungspartner – liefert KonfigurationMittelMittelBefürworterInformiert halten
Datenschutzbeauftragter – prüft DSGVO-KonformitätMittelGeringNeutralBeobachten

Einfluss-Interesse-Matrix des Beispielprojekts

Geringes InteresseMittleres InteresseHohes Interesse
Hoher EinflussBetriebsratGeschäftsführer
IT-Leiterin
Mittlerer EinflussDSBExt. PartnerLtg. Buchhaltung
Geringer EinflussVertriebsteam

Abgeleitete Maßnahmen

Geschäftsführer und IT-Leiterin als Key Player werden wöchentlich im Lenkungsausschuss eingebunden. Beide sind Befürworter – ihre Unterstützung muss das Team aktiv nutzen und sichtbar machen.

Betriebsrat hat hohen Einfluss, aber nur moderates Interesse. Die Projektleiterin informiert ihn monatlich per Statusbericht und holt ihn bei Themen wie Arbeitsplatzveränderungen und Datenschutz frühzeitig ins Boot.

Leiterin Buchhaltung ist ambivalent: Sie sieht den Nutzen, fürchtet aber den Umstellungsaufwand. Lösung: Einbindung als Key-User in die Pilotphase, praxisnahe Schulungen an realen Buchungsdaten.

Vertriebsteam ist skeptisch, hat aber wenig formalen Einfluss. Trotzdem kann mangelnde Akzeptanz den Erfolg gefährden – ein klassisches Projektrisiko. Maßnahme: Quick Wins sichtbar machen, zwei Vertriebsmitarbeiter als Botschafter einbinden.

Methoden der Stakeholderanalyse im Überblick

Die Einfluss-Interesse-Matrix ist die am weitesten verbreitete Methode, aber nicht die einzige. Je nach Projektkontext können weitere Techniken sinnvoll sein:

Stakeholder-Mapping. Visualisiert Beziehungen und Abhängigkeiten zwischen Stakeholdern. Nützlich bei komplexen Projekten mit vielen Beteiligten, in denen Koalitionen und Konflikte zwischen Stakeholdern eine Rolle spielen.

SWOT-Analyse pro Stakeholder. Bewertet Stärken, Schwächen, Chancen und Risiken der Zusammenarbeit mit einzelnen Schlüsselstakeholdern. Aufwendiger, aber hilfreich bei kritischen Beziehungen.

Interviews und Befragungen. Liefern qualitative Tiefeneinblicke in Motive, Erwartungen und Befürchtungen. Besonders wertvoll bei Stakeholdern, deren Einstellung unklar ist.

Szenario-Analyse. Simuliert, wie Stakeholder auf bestimmte Entscheidungen reagieren könnten. Sinnvoll vor kritischen Weichenstellungen im Projekt.

Für die meisten Projekte genügt die Einfluss-Interesse-Matrix als Kernmethode, ergänzt durch Einzelgespräche mit den wichtigsten Stakeholdern.

Tipps für die Praxis

  1. Früh starten. Die Stakeholderanalyse gehört an den Anfang der Planungsphase. Wer Stakeholder erst analysiert, wenn der Widerstand bereits spürbar ist, hat wertvolle Zeit verloren.

  2. Regelmäßig aktualisieren. Einstellungen und Machtverhältnisse verändern sich im Projektverlauf. Planen Sie ein Review bei jedem Meilenstein ein. Die Analyse ist eine Momentaufnahme – kein einmaliges Dokument.

  3. Im Team durchführen. Einzelschätzungen sind anfällig für blinde Flecken und Vorurteile. Verschiedene Perspektiven – Projektleitung, Fachexperten, Teammitglieder – ergänzen sich zu einem realistischeren Bild.

  4. Vertraulich behandeln. Die Ergebnisse der Stakeholderanalyse sind sensibel. Ein Stakeholder, der erfährt, dass er als „Gegner” eingestuft wurde, wird kaum kooperativer. Beschränken Sie den Zugang auf das Kernteam.

  5. Individuen statt Gruppen bewerten. „Die IT-Abteilung” ist kein homogener Block. Innerhalb einer Gruppe können Interessen und Einstellungen stark variieren. Bewerten Sie im Zweifel Einzelpersonen.

  6. Hierarchie ≠ Einfluss. Formale Position und tatsächliche Macht fallen selten zusammen. Informelle Meinungsführer, langjährige Mitarbeiter mit starkem Netzwerk oder externe Berater mit dem Ohr der Geschäftsführung können mehr bewegen als mancher Abteilungsleiter.

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Häufig gestellte Fragen

Was ist eine Stakeholderanalyse?

Eine Stakeholderanalyse ist ein systematischer Prozess zur Identifikation, Bewertung und Priorisierung aller Personen und Gruppen, die ein Projekt beeinflussen oder davon betroffen sind. Das Ergebnis sind Stakeholder-Steckbriefe und eine Einfluss-Interesse-Matrix, die als Grundlage für gezielte Kommunikationsstrategien dient.

Wie führt man eine Stakeholderanalyse durch?

In vier Schritten: Zunächst werden alle Stakeholder identifiziert. Dann bewertet das Team jeden Stakeholder nach Einfluss, Interesse und Einstellung. Anschließend werden die Stakeholder in der Einfluss-Interesse-Matrix positioniert. Aus dem jeweiligen Quadranten leitet sich die passende Kommunikationsstrategie ab – von „eng einbinden” bis „beobachten”.

Was ist eine Stakeholder-Matrix?

Eine Stakeholder-Matrix – auch Einfluss-Interesse-Matrix oder Power-Interest-Grid – ist eine zweidimensionale Darstellung, die Stakeholder nach Einfluss (Y-Achse) und Interesse (X-Achse) einordnet. Die vier Quadranten definieren die Handlungsstrategie: eng einbinden, zufriedenstellen, informiert halten oder beobachten.

Was ist der Unterschied zwischen Stakeholderanalyse und Stakeholdermanagement?

Stakeholdermanagement umfasst den gesamten fortlaufenden Prozess: Identifikation, Analyse, Kommunikation und laufende Steuerung der Stakeholder-Beziehungen über die gesamte Projektlaufzeit. Die Stakeholderanalyse ist ein Teilschritt darin – sie bewertet und priorisiert die identifizierten Stakeholder zu einem bestimmten Zeitpunkt.

Wann sollte die Stakeholderanalyse aktualisiert werden?

Mindestens bei jedem Meilenstein und bei wesentlichen Veränderungen im Projektumfeld – etwa einem neuen Sponsor, einer Umstrukturierung oder einer Scope-Änderung. Einstellungen und Machtverhältnisse verschieben sich im Projektverlauf. Eine veraltete Stakeholderanalyse ist schlimmer als keine, weil sie ein falsches Bild der Unterstützungslage vermittelt.

Jörg Friedrich

Jörg Friedrich

Senior Advisor

Jörg Friedrich ist der ursprüngliche Autor der Projektmanagement-Software Allegra und begleitet die Entwicklung bis heute. Er hat viele Jahre Industrieerfahrung als Projekt- und Abteilungsleiter. Er ist darüber hinaus als Professor in der Fakultät Informatik und Informationstechnik an der Hochschule Esslingen tätig.